Heidelberger Sommertagszug

Jahr für Jahr ist es vielen Kindern, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen, eine Herzensangelegenheit, beim Heidelberger Sommertagszug mitzumachen.
Mit Trommeln, Musik und bunten Butzen läuft der Zug mit seinen cirka 1.000 Teilnehmern an einem Sonntag im Monat März vom Bismarckplatz durch die Altstadt in Richtung Marktplatz. Dort, unmittelbar vor dem Rathaus, wird zum Abschluss des Umzugs der Winter symbolisch verbrannt.
Den zahlreichen Zuschauern fällt ein wichtiges Symbol des Sommertagszugs besonders  ins Auge. Es ist der Stecken, den jedes Kind trägt, mit der an seiner Spitze thronenden Brezel. Die Brezelform erinnert an das germanische Sonnenrad mit seinen Speichen. Oft sieht man an den Stecken auch ausgeblasene Eier als Symbol der Fruchtbarkeit oder Buchssträußchen als Zeichen des Frühlings. Bei den ebenfalls wichtigen „Butzen“ handelt es sich um kegelförmige Gestelle, die mit Tannengrün oder Stroh dekoriert werden und entsprechend den Sommer bzw. den Winter symbolisieren.
Der Heidelberger Sommertagszug hat eine lange Geschichte. Er ist uns seit 1534 bekannt. Damals wurde der Umzug erstmals in der sogenannten »Weltchronik«  des Sebastian Franck erwähnt. Man kann davon ausgehen, dass es sich bereits in der damaligen Zeit um einen uralten Brauch gehandelt hat.
Der Sommertagszug gehörte damals zu den sogenannten »Heischebräuchen«. Wenn am Ende des langen Winters die Vorräte der Familie zur Neige gingen, sammelten die Kinder Gaben, die sie für das Singen von Liedern erhielten. Immer wieder gab es geizige Bürger, die nichts geben wollten. Diese mussten sich dann Spottverse der Kinder anhören wie zum Beispiel:
»Oh, du alter Stockfisch, wann mer kummt, do hosch nix!« (»… wenn man kommt, dann hast Du nichts!«).
In manchen Zeiten wurde der Brauch, vor allem von der Obrigkeit, ja sogar von den Kurfürsten selbst, sehr misstrauisch beobachtet. Es gab immer wieder Versuche von dieser Seite, den „unzüchtigen“ Brauch zu verbieten.  In einer Polizeiverordnung von 1582 etwa wurden die »verbottenen Täntze« und die »schendtlichen Lieder« als heidnische Sitte gebrandmarkt. Doch die Tradition war stärker und setzte sich immer wieder durch.
In der Kurpfalz entwickelte sich aus dem alten Brauch der Sommertagszüge über Jahrhunderte ein Kinderfest, das jedoch erst durch die Briefe der »Liselotte von der Pfalz« seine Bekanntheit erlangte.
In Paris am Hof des Sonnenkönigs lebend, erinnerte sie sich um das Jahr 1700 mit Wehmut an die Sommertagszüge in ihrer alten Heimatstadt Heidelberg. Sie erwähnte in ihren Briefen sogar das bekannte Sommertagslied „Strih, Strah, Stroh“. Als junges Mädchen hatte Liselotte, stets mit Freude im Herzen, den armen Heidelberger Kindern nach dem Sommertagszug Geschenke überreicht. Da gab es vor allem Kleidung und Schuhe, also nützliche Sachen, die bei der armen Bevölkerung damals besonders fehlten.
Und keine Geringere als »Liselotte von der Pfalz« gibt sich bis zum heutigen Tag stets die Ehre, den Zug anzuführen. Dafür schlüpft Jahr für Jahr eine Heidelberger Bürgerin in die Rolle der Liselotte und damit auch in ihr tolles Kostüm mit Reifrock.
Während die Abläufe des Sommertagszugs teilweise noch wie früher stattfinden, hat sich der Hintergrund verändert. Der Anlass des Umzugs am sogenannten Sommertag ist zwar nach wie vor die Vertreibung des Winters, doch geht es den heutigen Kindern nicht mehr darum, in der Bevölkerung um Lebensmittel zu bitten.
Heute genießt man dieses Frühlingsfest als ein bei jung und alt gleichermaßen beliebtes Event.

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